Ich habe meiner Freundin und meiner Mutter acht Logos gezeigt: Stake, Rainbet, Kick, Roobet, Duel, Realbet, 1xBet und 1win. Beide haben noch nie um Geld gespielt und mit dieser Welt nichts zu tun.
Meine Freundin kannte den Namen Rainbet, und die Logos von Stake, Kick, Duel und 1win kamen ihr bekannt vor. Woher, konnte sie nicht genau sagen. Irgendwo auf Instagram wohl, sie seien ihr einfach vertraut. Meine Mutter liest Zeitung, schaut fern und liest Magazine, auch online. Nur auf Social Media ist sie nicht unterwegs. Sie erkannte kein einziges Logo und hatte auch noch nie eines davon gesehen.
Fünf zu null. Gleiche Stadt, zwei Welten.
Ich wollte zeigen, wie das sein kann. Darum habe ich in den letzten Wochen gesammelt, wo mir Online-Casinos begegnen. Zusammengefasst auf einen einzigen Tag sieht das etwa so aus.
Dazu muss man wissen: Mein Kollege Jonathan Rinner und ich sind 20 Jahre alt. Wir gehören zur ersten Generation, die mit Online-Casinos im Feed aufwächst, also im endlosen Strom aus Videos und Bildern auf Instagram, TikTok, Snapchat und so weiter. Für uns ist das Alltag. Für die meisten Erwachsenen der älteren Generation existiert diese Welt schlicht nicht, weil ihr Feed anders aussieht oder sie sich gar nicht auf diesen Plattformen bewegen.
Gemeint sind dabei nicht die bewilligten Schweizer Casinos, sondern Anbieter mit einer Lizenz aus Curaçao, einer Karibikinsel, die man hierzulande vor allem vom blauen Likör kennt. Sie ist bekannt für besonders lose Regelungen und billige Lizenzen.
Die erste Begegnung kommt, bevor ich aufgestanden bin. Instagram, noch im Bett, ein Video nach dem anderen. Ein junger Mann filmt ein humorvolles Video mit einer Kamerabrille. Irgendwann im Lauf des Videos zieht er kurz das Handy hervor und spielt eine Runde Blackjack. Auf dem Bildschirm ist eine Runde Blackjack auf Rainbet zu sehen, dann geht das Video weiter, als wäre nichts gewesen. Wer an solche Videos gewöhnt ist, merkt es kaum.
Ist das Werbung? Gekennzeichnet ist es nicht. Wie diese Form von Schleichwerbung funktioniert, wäre einen eigenen Text wert. Ich mache den ersten Strich auf meiner Liste.
Das nächste Video ist von derselben Machart, nur makabrer. Ein Mann lädt Obdachlose in seinen Van ein und nutzt ihren wahrscheinlich benebelten geistigen Zustand für sein Video. Gefilmt ist alles mit einer Kamerabrille. Für einen kurzen Moment ist auf dem Fernseher im Van eine Blackjack-Runde bei Rainbet zu sehen. Millionen Aufrufe, Hunderttausende Likes und in den Kommentaren lachen viele, weil es so absurd ist. Zweiter Strich.


Zwei Videos weiter wird es weniger subtil. Drake, einer der erfolgreichsten Musiker der Welt, 139 Millionen Follower. Das sind rund fünfzehnmal so viele Menschen, wie in der Schweiz leben. Von seinen letzten zwanzig geposteten Reels (Kurzvideos) zeigen dreizehn das Krypto-Casino Stake oder werben dafür. Das Casino ist in seiner Profilbeschreibung verlinkt, und die einzige Story-Sammlung, die er dauerhaft oben auf sein Profil geheftet hat, trägt als Titelbild das Stake-Logo.

Ich muss Drake nicht suchen. Er findet mich. Dritter Strich.
Zwischendurch, fast schon erfrischend: eine ganz normale Casino-Werbung, als Anzeige gekennzeichnet. Wenigstens die gibt zu, was sie ist. Vierter Strich.
Am Mittag bin ich auf TikTok. Dort ist Casinowerbung stark eingeschränkt, eigentlich müsste hier also Ruhe sein. Stattdessen läuft ein Meme mit Basketballstar LeBron James, kurz vor einem der wichtigsten Spiele seiner Karriere. Darüber steht: «How it feels to gamble with money you can’t afford to lose», so fühlt es sich an, mit Geld zu spielen, das man nicht verlieren darf. Mit einem Casino hat LeBron James nichts zu tun. Das braucht es auch nicht. Zwei Videos später spielen junge Leute einen Sketch, Titel: «Ich wette 100 Dollar, dass bei der Spielsucht-Hotline eine Frau abnimmt.»


Einen Strich mache ich nicht, es ist ja kein Casino zu sehen. Aber ich merke mir die Videos. Gelacht wird darin ausgerechnet über die Kehrseite des Spielens: die Sucht, den Verlust, das Geld, das eigentlich für etwas anderes gedacht war.
Dann schickt mir ein Kollege einen Post von X, früher Twitter. Es geht um die PlayStation: Noch immer spiele rund die Hälfte auf der alten PlayStation 4. Mit Glücksspiel hat das nichts zu tun. Unten im Bild steht klein das Logo von Stake, wie ein Wasserzeichen. Wir lachen. Stake vermutlich auch.

Zufällig ist das nicht. Manche dieser Anbieter verbreiten solche Videos gezielt mit ihrem Logo, etwa Duel, das sich als «erstes Casino, dem es nicht egal ist» bewirbt, nur deutlich derber formuliert. Ein Meme, das Jugendliche freiwillig weiterschicken, ist die günstigste Werbung der Welt. Verteilen müssen sie die Casinos nicht einmal selbst. Fünfter Strich.
Am Nachmittag läuft Fussball, Premier League. Seit dieser Saison dürfen Wettanbieter dort nicht mehr auf der Trikotbrust stehen. Man könnte meinen, wenigstens hier sei jetzt Ruhe. Ein Irrtum.
Forscher der Universität Bristol haben die ersten Spiele der Saison ausgezählt. Das Verbot hat die Glücksspielwerbung während der Live-Übertragungen um gerade einmal 10,5 Prozent verringert. Die Werbung auf Ärmeln und Trainingskleidung nahm um 362 Prozent zu. Beim Spiel Newcastle gegen Liverpool zählten sie 2702 Glücksspielbotschaften, mehr als zwölf pro Minute. Die Casinos und Wettanbieter sind also nicht verschwunden. Sie sind nur ein paar Zentimeter zur Seite gerutscht. Anderswo ist man ohnehin weniger zurückhaltend: Der FC Barcelona hat seinen Vertrag mit 1xBet 2024 bis 2029 verlängert, Chelsea hat mit Roobet einen Wettpartner für Südamerika. Sechster Strich.
Im Kampfsport gehören Casinos inzwischen fast zur Grundausrüstung. Allein im Sommer 2026 unterschrieben innert drei Monaten drei UFC-Stars beim Krypto-Casino Rainbet: Justin Gaethje im Juli, Sean Strickland im August und Champion Joshua Van im September. Ausserhalb ihrer Szene kennt sie kaum jemand, innerhalb sind sie Helden. Conor McGregor, der bekannteste Kämpfer der Welt, ist schon einen Schritt weiter. Er wirbt nicht nur für ein Casino, ihm gehört eines: Seit Dezember 2025 ist er Mitbesitzer und Aushängeschild des Online-Casinos Realbet. Seit 2026 ist er zusätzlich Botschafter des Wettanbieters 1xBet. Und Box-Superstar Canelo Álvarez wirbt seit 2025 für den Casino- und Wettanbieter 1win.

Siebter Strich. Und in der Formel 1 zeigte Stake, wie man mit einem Werbeverbot umgeht. 2023 durfte sein Logo in Australien, Spanien, Belgien und Katar wegen der dortigen Glücksspielgesetze nicht aufs Auto. Dort stand stattdessen «Kick». Was es mit diesem Namen auf sich hat, erfahre ich am Abend.
Bis zum Abend stehen bereits sieben Striche auf meiner Liste.
Ein Casino mit eigenem Sender
Am Abend will ich abschalten und schaue einen Livestream. Für alle, die das nicht kennen: Ein Streamer sendet live, oft stundenlang, und Tausende schauen ihm zu, beim Gamen, beim Plaudern oder beim Spielen im Online-Casino. Heute sitzen der Streamer Adin Ross und xQc zusammen an einem Blackjack-Tisch, einem echten, mit Karten und Chips, in einer privaten Runde. Kein Online-Casino, kein Logo im Bild. Harmlos ist die Szene trotzdem nicht: Die beiden gehören zu den bestbezahlten Streamern der Welt, und gesendet wird auf der Plattform „Kick“.

Meiner Mutter würden diese Namen nichts sagen, und damit wäre sie nicht allein. Ausserhalb ihrer Szene kennt die beiden kaum jemand. Innerhalb sind sie Superstars: Allein auf Kick folgen Adin Ross 2,8 Millionen Menschen, mehr als im ganzen Kanton Zürich leben. xQc kommt dort auf rund 1,3 Millionen.
Dass Casinos in Livestreams so selbstverständlich sind, hat eine Vorgeschichte, die in der Schweiz kaum jemand kennt. Bis 2022 war Twitch die wichtigste Plattform für Livestreams, mit gut drei Vierteln aller Stunden, die auf den grossen Gaming-Plattformen live geschaut wurden. Für meine Generation war Twitch, was für die ältere das Fernsehen war. Im Herbst 2022 zog Twitch die Notbremse und verbannte Casino-Streams von Anbietern ohne US-Lizenz. Stake war einer davon.
Stellen Sie sich vor, das Schweizer Fernsehen verbietet Casinowerbung, und das Casino gründet daraufhin einfach seinen eigenen Sender. Genau das ist passiert. Im Dezember 2022, rund zwei Monate nach dem Verbot, ging «Kick» online. Gegründet haben es Ed Craven und Bijan Tehrani, die beiden Gründer von Stake. Kennengelernt hatten sie sich als Teenager im Onlinespiel RuneScape, wo sie Mitspieler um Spielgold wetten liessen, bis die Spielefirma sie offenbar hinauswarf. Heute sind beide laut Forbes Milliardäre, und Kick teilt sich mit Stake den Hauptsitz in Melbourne.
Um die Stars von Twitch abzuwerben, versprach Kick, dass Streamer 95 Prozent ihrer Abo-Einnahmen behalten dürfen. Bei Twitch waren es 50. Der kanadische Streamer xQc erhielt 2023 einen Vertrag über 70 Millionen Dollar für zwei Jahre, mit Boni bis zu 100 Millionen. Adin Ross, einer der bekanntesten amerikanischen Streamer, sagt, er habe 2025 für seinen Wechsel zum Krypto-Casino Rainbet 100 Millionen Dollar erhalten. Laut dem Analysedienst Streams Charts lag Kick im dritten Quartal 2025 unter den Livestream-Plattformen auf Platz vier, hinter YouTube, TikTok und Twitch.
Forbes schätzte 2024, dass Kick dabei jeden Monat mehrere Millionen Dollar verliert. Warum leistet sich ein Casino einen Sender, der Geld verliert? Die Antwort überlasse ich Ihnen. Achter Strich, und zwar ein dicker.
Kurz vor dem Schlafen will ich noch etwas Seriöses sehen, zum Beispiel «Inside the Manosphere» auf Netflix, eine Dokumentation des britischen Dokumentarfilmers Louis Theroux über die Welt der sogenannten Männlichkeits-Influencer. Eine kritische Recherche, genau das Richtige nach diesem Tag.
Doch wie die australische Fachzeitschrift Mediaweek bereits festgestellt hat, taucht auch dort mehrmals das Logo von Rainbet im Bild auf, und Stake hat einen kurzen Auftritt. Rainbet ist ein Krypto-Casino, erst 2023 gegründet, das aussieht wie eine Kopie von Stake und im Februar 2026 fast 13 Millionen Besuche zählte. Eine Verbindung zwischen den Casinos und Netflix ist nicht bekannt. Die Logos sind einfach da, weil sie in dieser Welt überall sind.
Man kann sich über diese Szene also nicht einmal mehr kritisch informieren, ohne ihre Werbung zu sehen. Neunter und letzter Strich für heute.
Keinen Rappen gesetzt
Am Ende des Tages stehen neun Striche auf meiner Liste, und dabei habe ich nur das Auffälligste gezählt. Gesetzt habe ich keinen Rappen. Gespielt hat das Casino trotzdem, und zwar mit meiner Aufmerksamkeit.
Und das ist nur, was mir selbst begegnet ist. Wer sucht, findet kein Ende. Die ATP Challenger Tour, die zweithöchste Turnierserie im Profitennis, hat seit 2025 einen offiziellen Wettpartner: 1xBet, über mehr als 30 Turniere. Esports-Teams wie OG und Team Spirit tragen dasselbe Logo. Selbst die Rap-Legende Snoop Dogg ist seit 2023 «Chief Ganjaroo» des Krypto-Casinos Roobet. Es gibt kaum noch eine Sportart, eine Bühne oder eine Plattform, auf der nicht irgendein Casino steht.
Und das sind erst die sogenannt seriösen Anbieter, also Firmen mit Lizenz, Logo und Sponsoringverträgen. Auf denselben Plattformen läuft daneben offener Betrug. 2024 zeigte Instagram bezahlte Werbung für eine angebliche Casino-App des Youtubers MrBeast, mit Deepfakes, also künstlich erzeugten Videos bekannter Gesichter. Die App gab es nicht, MrBeast hatte nie etwas damit zu tun. Wo die Grenze zwischen seriös und unseriös verläuft, ist aber gar nicht so klar. 1xBet, der Partner des FC Barcelona, hat seine Lizenz in Grossbritannien verloren, gegen seine drei Gründer liegen internationale Haftbefehle vor. Barcelona hat den Vertrag trotzdem bis 2029 verlängert.
Was meine Striche bedeuten, wurde mir erst am Abend klar. Sie stehen für drei Arten von Normalisierung. Die erste betrifft das Logo: Wer Stake oder Rainbet jeden Tag sieht, empfindet die Namen irgendwann als so vertraut wie Coca-Cola. Die zweite betrifft das Spielen selbst. Früher fand man Casinowerbung vor allem in der Schmuddelecke des Internets, etwa als Pop-up auf Piratenseiten, auf denen man Filme halblegal streamte. Heute spielt ein Weltstar zwischen zwei Songs vor 139 Millionen Followern eine Runde. Die dritte ist die heimtückischste, weil sie die Schattenseiten betrifft. In den Memes wird die Sucht zur Pointe. Zwei Freunde haben im Casino 1000 Dollar verloren, und einer meint, das Geld für die Krebsoperation seiner Mutter sei ja noch übrig. Wieder Hunderttausende Likes.


Die Hotline wird zum Witz und der Verlust zu einem Gefühl, das man mit LeBron James teilt. Vielleicht bringt eines dieser Memes auch Sie zum Schmunzeln. Genau darin liegt das Problem. Hinter all diesen Witzen steckt dieselbe Haltung: Das Leben ist sowieso nicht ernst zu nehmen, also warum das Geld? Wer oft genug darüber lacht, nimmt den Verlust irgendwann nicht mehr ernst.
Und die Casinos können sich all das leisten. Stake nahm laut Forbes in einem einzigen Jahr 2,6 Milliarden Dollar ein. Alle Schweizer Spielbanken zusammen, mit ihren Landcasinos und Online-Angeboten, kamen 2025 auf 878 Millionen Franken. Eine einzige Kampagne des Krypto-Casinos Duelbits mit dem UFC-Kämpfer Justin Gaethje erreichte über 122 Millionen Videoaufrufe.
Dabei ist Werbung für solche Anbieter in der Schweiz verboten, es drohen Bussen bis 500’000 Franken. Die Eidgenössische Spielbankenkommission hat bis Ende August 2025 rund 2600 Casinoseiten gesperrt. Nur kennt der Feed keine Landesgrenze. Ein Video von Drake sieht in Zürich genau gleich aus wie in Toronto, und gegen ein Meme im Gruppenchat hilft keine Sperrliste.
Dass es nicht nur mein Feed ist, zeigt unsere Umfrage an Zürcher Kantonsschulen vom Sommer 2026. Von den 1102 Befragten hatten 76 Prozent in den 30 Tagen zuvor Werbung für Online-Casinos oder Sportwetten gesehen, 57 Prozent auf Instagram, TikTok oder YouTube. Repräsentativ ist die Umfrage nicht, aber sie zeigt eine Richtung. Meine Bilanz nach diesem Tag ist deshalb einfach: Man kann dem Glücksspiel nicht mehr ausweichen.
Wer in der Schweiz ein Casino betreten will, zeigt am Eingang seinen Ausweis. Geprüft wird, ob man volljährig ist und ob man gesperrt ist. Im Feed fragt niemand nach dem Ausweis. Dort steht das Casino-Video zwischen dem Geburtstagsvideo der besten Freundin und dem nächsten Meme. Wer heute 15 ist, begegnet diesen Casinos, auch wenn er nie spielt. Meine Freundin ist der beste Beweis dafür.
Machen Sie einen Test. Fragen Sie heute Abend Ihr Kind, Ihr Patenkind oder Ihre Enkelin, ob sie Stake kennen. Und dann fragen Sie, woher.
Dass all diese Videos selbst bei Jugendlichen landen, die nie einen Livestream einschalten, ist übrigens kein Zufall. Dahinter steckt ein System, das sich Clipping nennt. Darum geht es im nächsten Teil dieser Serie.
Dieser Text ist ein Kommentar und gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Casinorating finanziert sich unter anderem über Partnerschaften mit Online-Casinos, die in der Schweiz bewilligt sind. Mit den in diesem Text genannten Anbietern bestehen keine Partnerschaften.



