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Casinorating

NEUE UMFRAGE AN ZÜRCHER KANTONSSCHULEN

«Gefährlich, aber cool»: Jeder zweite Kantonsschüler hat schon um Geld gespielt

Online-Casinos und Sportwetten werben mitten im Alltag von Jugendlichen. Eine Umfrage von casinorating.ch von über 1000 Schülerinnen und Schülern Zürcher Kantonsschulen zeigt: Drei Viertel haben innert eines Monats Glücksspielwerbung gesehen, jeder Zweite hat bereits um Geld gespielt - und wer spielt, hat damit meist schon als Minderjähriger begonnen.

Zürich, 3. Juli 2026. Die Befragung fand Ende Juni statt, mitten in der Endphase der Fussball-Weltmeisterschaft, und das Grossereignis hinterlässt Spuren in den Antworten. «Sehr viel Sportwetten-Werbung jetzt wegen der WM», schreibt ein 18-jähriger Schüler. Ein 17-Jähriger beobachtet dasselbe: «Sportwetten-Werbung bei der Weltmeisterschaft. Viele Promis. Wird als normal und gut dargestellt.»

Werbung läuft dort, wo Jugendliche scrollen

76 Prozent der Befragten geben an, in den letzten 30 Tagen Werbung für Online-Casinos oder Sportwetten gesehen zu haben. Mit Abstand am häufigsten genannt wird Social Media: 57 Prozent aller Befragten sind auf Instagram, TikTok oder YouTube auf Glücksspielwerbung gestossen, mehr als im Fernsehen (45 Prozent) oder über Sponsoring, etwa bei Fussballteams (27 Prozent). Die Werbung erreicht Jugendliche also genau auf jenen Kanälen, auf denen es kaum wirksame Alterskontrollen gibt.

Dazu kommt: Die Werbung ist für viele nicht einmal als solche erkennbar.

– Schülerin, 19

«Es wird als Werbung angezeigt, die aussieht wie ein normales Handy-Spiel.» 

– Schüler, unter 16

«Stake, Duel und Kalshi werden oft nicht als Glücksspiel dargestellt, sondern als normale Plattformen.»

39 Prozent der Befragten haben das Gefühl, die Werbung richte sich auch oder eher auch an Minderjährige. Nur ein Viertel verneint das klar.

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Glücksspiel im neuen Gewand

Wie Jugendliche mit Glücksspiel in Kontakt kommen, hat sich in wenigen Jahren stark verändert. An die Stelle klar erkennbarer Casino-Werbung tritt zunehmend eine Vermischung von Werbung und Unterhaltung. Mehrere Befragte beschreiben genau dieses Muster: Angebote erscheinen im vertrauten Format eines Handyspiels oder als scheinbar normale App, nicht als Glücksspiel. Fachleute sprechen von einer Normalisierung, weil Glücksspiel dadurch als alltäglicher und harmloser wahrgenommen wird, als es tatsächlich ist.

Besonders sichtbar wird dies auf Instagram und YouTube. Auf Instagram läuft die Werbung häufig in unterhaltender oder getarnter Form: als Reel, als Influencer-Beitrag oder als scheinbar spontaner Erfahrungsbericht, in dem Logos und Marken von Online-Casinos beiläufig auftauchen. YouTube gilt als vergleichsweise kinderfreundliche Plattform und wird von Minderjährigen intensiv genutzt, dennoch erscheinen dort Werbeanzeigen für Online-Casinos direkt im Umfeld von Inhalten für ein junges Publikum. Anders als im Fernsehen, wo Werbezeiten und Alterskontexte reguliert sind, fehlen auf diesen Kanälen wirksame Alterskontrollen weitgehend.

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Online Casino-Werbung auf Youtube Shorts (links) und Instagram (rechts).

Hinzu kommt eine neue Kategorie von Angeboten, die in der Umfrage bereits namentlich auftaucht: sogenannte Prediction Markets wie Kalshi oder Polymarket. Dabei handelt es sich um Plattformen, auf denen Nutzerinnen und Nutzer Geld auf den Ausgang künftiger Ereignisse setzen, etwa auf Wahlresultate, Wirtschaftszahlen oder Sportergebnisse. Wer richtig liegt, gewinnt, wer falsch liegt, verliert seinen Einsatz. Vermarktet werden diese Angebote nicht als Glücksspiel, sondern als Handel mit Ereignis-Kontrakten oder als Prognose-Markt, was die Nähe zur Sportwette und zum Casino verschleiert. Für Jugendliche verschwimmt damit die Grenze zwischen Finanzanwendung, Spiel und Wette zusätzlich.

Wie präsent solche Anbieter mittlerweile sind, zeigt ihr Auftritt rund um die Fussball-Weltmeisterschaft, bei der Prediction Markets als Sponsoren in Erscheinung treten. Damit erreichen sie ein Millionenpublikum, darunter viele Minderjährige, in einem emotional aufgeladenen Umfeld. Regulatorisch bewegen sich viele dieser neuen Formen in einer Grauzone: Sie ordnen sich selbst nicht als Geldspiel ein und operieren häufig aus dem Ausland, wodurch die Vorgaben des Schweizer Geldspielgesetzes, insbesondere die Altersgrenze von 18 Jahren und die Bewilligungspflicht, ins Leere laufen. So entsteht eine Situation, in der Jugendliche neuen, kaum regulierten Glücksspielformen ausgesetzt sind, während der rechtliche Rahmen dieser Entwicklung hinterherhinkt.

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Prediction Markets als Sponsor der FIFA Weltmeisterschaft 2026. [3]

Die erste Wette: mit 15 oder früher

51 Prozent der Befragten haben schon einmal um Geld gespielt. Unter den 660 minderjährigen Teilnehmenden sind es 45 Prozent. Junge Männer sind deutlich stärker betroffen: 60 Prozent von ihnen haben bereits gespielt, bei den jungen Frauen ist es ein Drittel.

Besonders auffällig ist das Einstiegsalter: Mehr als die Hälfte derjenigen mit Spielerfahrung (56 Prozent) war beim ersten Glücksspiel um Geld höchstens 15 Jahre alt, zwei Drittel spätestens 16. Meist beginnt es im Kollegenkreis mit Pokerrunden und privaten Wetten. Doch es bleibt nicht dabei: 205 Befragte haben schon Sportwetten abgeschlossen, 214 haben Erfahrung mit Online-Casinos – 162 davon mit Krypto- oder internationalen Plattformen, die sich der Schweizer Aufsicht weitgehend entziehen.

Obwohl Glücksspiel um Geld für Minderjährige in der Schweiz verboten ist, berichten sieben Minderjährige von Erfahrungen in Online-Casinos und sechs von Sportwetten. Ein 16-jähriger Schüler bringt das Problem auf den Punkt:

– Schüler, 16

«Kinder unter 18 können in zwei Klicks wetten.»

Grafik1 Werbekanaele Original
Grafik3 AlterErsteinstieg Original

Gefährlich, aber cool

Naiv sind die Jugendlichen nicht: 80 Prozent halten Online-Casinos für gefährlich, 79 Prozent wissen, dass man beim Glücksspiel langfristig nicht gewinnen kann. Gleichzeitig sagen 46 Prozent, Online-Casinos würden in ihrem Umfeld als «cool» angesehen.

Bedenklich ist vor allem eine Diskrepanz, die aus der Suchtforschung bekannt ist: Das allgemeine Suchtrisiko von Online-Glücksspiel schätzen die Befragten im Schnitt auf 7,7 von 10 Punkten, das eigene Risiko, süchtig zu werden, aber nur auf 3,9. Süchtig werden immer nur die anderen.

Dabei ist das Thema längst im Umfeld der Schülerinnen und Schüler angekommen: 53 Prozent kennen mindestens eine Person, die regelmässig online spielt, 15 Prozent kennen mehrere. 58 Befragte geben an, selbst regelmässig zu spielen. Einzelne Antworten lassen aufhorchen – ein Schüler schreibt: «Ich muss sogar im Unterricht spielen, sonst werde ich unruhig.»

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Analyse und Interpretation

Die Ursachen: drei Barrieren, die weggefallen sind

Historisch schützte vor allem eine physische Hürde Minderjährige vor dem Glücksspiel: Wer spielen wollte, musste ein Casino betreten und einen Ausweis vorzeigen. Diese Hürde existiert im digitalen Raum praktisch nicht mehr. Internationale Krypto-Casinos verlangen häufig weder eine Registrierung mit echtem Namen noch eine Altersprüfung; in unserer Umfrage gaben 14% Jugendliche an, bereits ohne wirksame Alterskontrolle online gespielt zu haben.

Zweitens hat sich die kulturelle Einordnung von Glücksspiel verschoben. Wo früher ein gewisses gesellschaftliches Stigma bestand, erscheint Wetten heute als selbstverständlicher Teil der Sport- und Unterhaltungskultur, getragen von Bandenwerbung, Trikotsponsoring und Influencern. Für eine Generation, die mit Streaming und Social Media aufwächst, ist die Grenze zwischen einem Videospiel und einem Glücksspiel fliessend geworden: Lootboxen, Social-Casino-Apps und Skin-Wetten gewöhnen an Spielmechaniken, die dem Glücksspiel strukturell gleichen – lange bevor echtes Geld im Spiel ist.

Drittens ist der Einstieg ein soziales Ereignis. Unsere Zahlen zeigen es deutlich: 46 der Befragten spielten zuerst mit Kolleginnen und Kollegen bei Heimspielen, privaten Wetten oder Poker. Glücksspiel beginnt selten allein, sondern im Freundeskreis, wo es als gemeinsames Erlebnis und mitunter als Mutprobe funktioniert. Das erklärt, warum Prävention, die nur auf das Individuum zielt, zu kurz greift.

Die Folgen: Es geht weniger um das Ob als um das Wo

Der aus fachlicher Sicht wichtigste Befund ist nicht, dass Jugendliche spielen, denn das taten sie auch früher schon. Entscheidend ist, wohin sich das Spielen verlagert. Wer im lizenzierten Schweizer Rahmen spielt, ist durch Einsatzlimiten, Realitäts-Checks und das Sperrsystem geschützt. Wer bei internationalen Krypto-Anbietern spielt, hat keinen dieser Schutzmechanismen. Genau dorthin aber verschiebt sich ein relevanter Teil des jugendlichen Spielens.

Hinzu kommt der Faktor Zeitpunkt. In der Suchtforschung gilt als gut belegt, dass ein früher Erstkontakt das Risiko einer späteren Glücksspielproblematik erhöht: Je jünger der Einstieg, desto stärker prägt sich das Verhalten ein und desto weniger ausgebildet ist die Fähigkeit, Risiken und Wahrscheinlichkeiten realistisch einzuschätzen. Wenn fast ein Drittel unserer Befragten mit 15 Jahren oder jünger zum ersten Mal um Geld spielte, fällt dieser Erstkontakt genau in die Phase, in der sich Gewohnheiten und Risikobewertung erst formen.

Die möglichen Folgen reichen über das Finanzielle hinaus. Jugendliche verfügen selten über eigenes Einkommen; Verluste können zu Schulden im privaten Umfeld führen. Problematisches Spielverhalten steht zudem häufig in Wechselwirkung mit Stress, schulischem Druck und psychischer Belastung. Das eigentliche Alarmsignal unserer Umfrage ist daher weniger eine einzelne Zahl als das Gesamtbild: früher Einstieg, Abwanderung ins unregulierte Angebot und eine Werbeumgebung, die all das als normal erscheinen lässt.

Für Eltern und Schulen bedeutet das: Das Thema Glücksspiel ist nicht erst mit 18 relevant. Wenn ein Drittel der Schülerinnen und Schüler bereits mit 15 oder jünger zum ersten Mal um Geld spielt, muss Prävention in der Sekundarstufe beginnen, also dort, wo die Weichen tatsächlich gestellt werden, und nicht erst dann, wenn aus privaten Pokerrunden Einzahlungen bei internationalen Krypto-Casinos geworden sind.

Zur Methodik und Einordnung dieser Erhebung

Die hier dargestellten Zahlen stammen aus einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage, die casinorating.ch im Juni 2026 unter 1102 Schülerinnen und Schülern mehrerer Zürcher Kantonsschulen durchgeführt hat. Die Teilnahme war freiwillig, anonym und ohne Erhebung personenbezogener Daten.

Stichprobe

An der Befragung nahmen 1102 Personen teil: 624 männlich, 421 weiblich, 57 mit anderer oder ohne Angabe. 660 der Teilnehmenden waren zum Zeitpunkt der Befragung minderjährig (17 Jahre oder jünger), 442 waren 18 Jahre oder älter. Alle Angaben beruhen auf Selbstauskunft der Befragten.

Erhebungsmethode

Die Daten wurden über einen standardisierten Online-Fragebogen mit geschlossenen (Ankreuz-) und offenen (Freitext-) Fragen erhoben. Die prozentualen Auswertungen beziehen sich, sofern nicht anders angegeben, auf alle 1102 Teilnehmenden. Bei Fragen mit Mehrfachnennung kann die Summe der Antworten die Zahl der Befragten übersteigen; dies ist bei den betreffenden Grafiken vermerkt.

Grenzen der Aussagekraft

Diese Erhebung erhebt ausdrücklich keinen Anspruch auf Repräsentativität. Die Stichprobe ist regional (Kanton Zürich, nur Kantonsschulen/Gymnasien) und zahlenmässig begrenzt, die Teilnahme erfolgte selbstselektiv. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf alle Jugendlichen in der Schweiz übertragen. Sie sind als qualitative Momentaufnahme zu verstehen, die auf Muster und mögliche Entwicklungen hinweist und nicht als statistisch gesicherter Beleg. Da alle Angaben auf Selbstauskunft beruhen, sind Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit oder Fehleinschätzungen nicht auszuschliessen.

Zweck und Interessenlage

Casinorating.ch ist ein unabhängiges Informationsportal zum Thema Glücksspiel in der Schweiz. Ziel dieser Erhebung ist es, das Bewusstsein für Jugendschutz und Prävention im Bereich Online-Glücksspiel zu schärfen. Wir legen die Methodik offen, um eine transparente Einordnung der Zahlen zu ermöglichen.

Datenzugang

Die vollständigen, anonymisierten Rohdaten stellen wir Medienschaffenden und Fachstellen auf Anfrage zur Verfügung. Bei Verwendung der Zahlen bitten wir um Quellenangabe «Umfrage casinorating.ch, Juni 2026».

Bildverzeichnis:

[1]: https://www.reddit.com/r/mildlyinfuriating/comments/1scts6a/youtube_floods_me_with_casino_ads_even_if_they/

[2]: Eigene Aufnahme

[3]: https://igamingexpress.com/kalshis-quiet-route-to-world-cup-visibility/